Die neueste Nummer des Widerspruchs widmet sich dem Thema Angst. Zahlreiche Ängste, welche die Menschen plagen, werden politisch bearbeitet oder geschürt: Angst vor Terrorismus, neuen Technologien, Migrant*innen, Statusverlust, Nicht-mithalten-können oder Erwerbslosigkeit. Angst vor Verlust männlicher und westlicher Privilegien sowie vor einer sich der Kontrolle entziehenden Gegenwart und undurchschaubaren Zukunft. Das Heft fragt dann, welche strukturellen Ursachen dahinterstehen und inwiefern Solidarität als Gegenmittel wirken könnte.
Angesichts von zunehmenden Burn-outs und Depressionen wird zu weiten Teilen ausgeblendet, was diese Krankheitsbilder über die Arbeitswelt aussagen könnten. Verschwiegen wird, dass mit dem Postulat der permanenten Erreichbarkeit eine Entgrenzung von Privat- und Berufsleben stattfindet – geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden waren gestern. Das Heft thematisiert, wie erhöhte Mobilitätsanforderungen, unsichere und befristete Beschäftigungsverhältnisse sowie eine Arbeitswelt 4.0 mit hohen, zusätzlich zum eigentlichen Tun zu bewältigenden Management- und Qualitätsanforderungen Leben und Seelen der Menschen belagern.
Die Flexibilisierungs- und Entgrenzungszwang wird vom alten Märchen flankiert, dass in einer liberalen Gesellschaft alles für alle möglich und erreichbar sei, wenn man nur wirklich wolle und hart dafür arbeite. Gleichzeig werden Bedürftigkeit, Versagen und Zurückweisen von Konsum- und Leistungsnormen von dominanten Teilen der herrschenden Politik als asozial diffamiert. Die Frauen- und Klimabewegungen zeigen gemäss den Heftherausgebern, dass sich die Erkenntnis durchsetze, dass sich gesellschaftliche Fragen nicht individuell – etwa durch eine alleinige Optimierung des persönlichen Lebensstils – lösen lassen. Die Menschen fassen deshalb trotz oder gerade wegen der Angst Mut. Dieser Mut fusse weder auf Hassreden noch auf Verschwörungstheorien, sondern auf der Erkenntnis, dass Rettung nicht "von oben" zu erwarten sei. Diese Erkenntnis dränge zum gemeinsamen Handeln und Verändern.
Widerspruch (38. Jg./2019), Angst.Wut.Mut, Nr. 73. Zürich: Rotpunktverlag.
