Lucas Zeise, ehemaliger Finanzjournalist der Frankurter "Börsen-Zeitung" und der "Financial Times Deutschland" legt ein lesenswertes Büchlein zur Euro-Krise vor. Abgesehen von einigen ziemlich unverständlichen Referenzen auf Versatzstücke Marxscher Theorie, vermutlich vom Verlag gewünscht, ist das Büchlein argumentativ und liefert ein paar bedenkenswerte Einsichten. Zeise legt den Finger auf ein Hauptproblem der verschärften Konkurrenzwirtschaft: durch den Druck auf die Löhne sinkt die Nachfrage nach den produzierten Gütern, wodurch eine Überproduktionskrise erzeugt wird. Einzelne Staaten können für sich das Problem lösen, indem sie konkurrenzfähiger sind als die anderen, wobei offensichtlich nicht alle Länder diesen Weg gehen können, da nicht alle konkurrenzfähiger als alle anderen sein können. Durch das Einfrieren der Löhne in Deutschland konnte dieses Land auf Kosten der peripheren Länder der Euro-Zone seine Exporte steigern. Deutschland produzierte Exportüberschüsse, während die peripheren Länder in ein Handelsbilanzdefizit hineinschlitterten. Durch die Einführung des Euro erfolgte zuerst eine Angleichung der Zinsen in diesen Ländern nach unten. Dadurch konnten die Importe aus Deutschland finanziert werden. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise differenzierten sich die Zinsen im Euro-Land aber wieder aus. Während Deutschland sich weiterhin mit billigem Geld eindecken konnten, mussten die peripheren Ländern, oft weil sie ihre Banken retten "mussten", horrende Zinsen zahlen. Der Hauptgrund für den Beitritt zum Euro, die tieferen Zinsen, erwies sich als Fata Morgana, welche einen kurzen Boom speiste, um dann zu zerplatzen.
Die Antwort auf die Euro-Krise klassifiziert der Autor als die "koloniale Lösung". Sie hat drei Aspekte:
(1) Sicherung der Tributzahlungen an das Finanzsystem. Hierzu dienen die Rettungsfonds für die konkursgefährdeten Staaten und die Rettungsmassnahmen für die Banken, die hauptsächlich vom Notenbanksystem durchgeführt wurden.
(2) Der zweite Hauptaspekt ist das Abwürgen der ökonomischen Aktivitäten in der Peripherie unter der Überschrift "Umstrukturierung" und "Reform". Die Peripherie wird systematisch unterentwickelt. Kürzung der öffentlichen Investionen, Erhöhung der Mehrwertsteuer, Erhöhung der Steuern auf Benzin, Kürzungen der Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst, Senkung von Renten, massives Ansteigen der Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jungen. Das entsprechende Sinken der Nachfrage bewirkt eine Verstärkung der Rezession der betroffenen Länder. Sie werden als Absatzmakrt immer weniger interessant.
(3) Drittens gehört zur kolonialen Lösung die Übernahme der politschen Kontrolle in den peripheren und schwachen Ländern durch die Zentrale (Troika; Verhinderung von Volksabstimmungen; erzwungene Regierungswechsel, Erzwingen von Privatisierungen, Erzwingen von genehmen Gesetzen; etc.).
Dem Euro gibt Zeise keine langfristige Chance. Eine Währungsunion ohne bundesstaatliche Strukturen (Finanztransfer) kann nicht funktionieren und er sieht keine nennenswerten politischen Kräfte am Werk, welche einen solchen Bundesstaat realisieren wollen. Das deutsche Kapital will eine Währungsunion, die nichts kostet. Deutschland wird dem Euro allerdings kein Ende setzen, da die Deutsche Exportindustrie von diesem massiv profitiert (tiefe Zinsen, schamlose Konkurrenzfähgigkeit ohne Währungsstrafe). Gemäss Zeise ist ein Austritt am ehesten von Griechenland, Portugal, Spanien und Italien zu erwarten, sobald die koloniale Lösung mit den hohen Zinsen und der extrem restriktiven Fiskalpolitik für diese Länder sozial und politisch untragbar geworden ist. Das Beispiel Argentiniens vor Augen werden diese Länder allerdings zögern und wenn möglich einen geordneten Euro-Rückzug anstreben.
Lucas Zeise, Euroland wird abgebrannt: Profiteure, Opfer, Alternativen, Köln, PapyRossa, 2012.
