Krisenherd Europa


Die Artikelsammlung untersucht die verschiedenen Separatismen, Autonomiebewegungen und Nationalismen im Europa der 90er Jahre. Die Analysen gehen dabei i.a. von einem recht fragwürdigen Standpunkt aus: jegliche Berufung auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" wird als "Schlachthaus-Melodie" und "Kannibalen-Parole" hingestellt. Ob eine Bewegung demokratisch ist und die Menschenrechte respektiert oder nicht - sie wird "nationalistisch" genannt, auch wenn sie nur etwas mehr Autonomie wünscht. Der Nationalismus der übergeordneten Staaten, die solche Autonomie zu verhindern suchen, wird demgegenüber nicht reflektiert. Für die "Minderheiten" und gegen die herrschende Mehrheit wird nur dann zaghaft Partei ergriffen, wenn die Mehrheit die Menschenrechte in grober Weise verletzt (Restjugoslawien in Kosovo).

Die seltsame Parteiergreifung fürs Übergeordnete ergibt sich aus einer romantischen, anarcho-marxistischen Vision von der Aufhebung aller Grenzen. Ziel ist die freie Assoziation der Individuen zur staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft (S. 424). Wie eine solche freie Assoziation aussehen und funktionieren soll, darüber lässt man sich klugerweise nicht aus. Manchmal fühlt man sich bei der Lektüre in die 70er Jahre zurückversetzt: da wird munter Lenin gegen die Rosa Luxemburg gesetzt und ausgemacht, wer wann recht hatte. Trotz solcher exotischer Ausflüge und dem unsinnigen Standpunkt, ist das Buch lesenswert: es liefert eine Fülle von Informationen zu den verschiedenen Ländern und Bewegungen.

Andrea Komlosy, Hannes Hofbauer, Jürgen Elsässer, u.a. Krisenherd Europa, Nationalismus, Regionalismus, Krieg, Göttingen, Die Werkstatt, 1994.

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