Baubeginn am Brenner-Basistunnel
Am Brenner-Basistunnel ist im April 2011 der Startschuss zu den Hauptarbeiten gegeben worden. Helle Freude kommt darob nicht auf. Zu gross sind die Unwägbarkeiten, zu unsicher die Finanzierung und ungewiss die Wirkung des Milliarden-Bauwerks. Der eigentliche Tunnelbau soll gemäss gegenwärtigem Kostenstand 8 Milliarden Euro kosten. Teuerungsbereinigt wären dies im Jahr 2025 9,7 Milliarden; andere Schätzungen gehen davon aus, dass es am Schluss auch 15 Milliarden Euro sein könnten. Die Finanzierung steht auf tönernen Füssen und ist noch nicht durchgehend gesichert. Aus der EU-Kasse kommen bis im Jahr 2014 insgesamt 768 Millionen Euro, was rekordverdächtig ist für ein einzelnes Projekt. Die EU hat sich an Planungs- und Vorbereitungsarbeiten zu 50 Prozent beteiligt, für den Bau übernimmt sie noch 27 Prozent. Die Zahlungen nach 2014 müssen allerdings wieder neu verhandelt werden. Optimisten hoffen auf letztlich 2 Milliarden Euro von der EU. Die restlichen Kosten teilen sich Italien und Österreich zu je 50 Prozent auf. Die Tiroler Opposition weist nicht nur auf die hohen Kosten hin, sie kritisiert auch, dass schnellere und leistungsstärkere Zufahrtswege sowohl im Norden wie im Süden nicht gesichert sind. Zwar wird der BBT immer wieder als Teil der europaweiten Verbindung Berlin-Palermo gepriesen, vielmehr als Lippenbekenntnisse zu den Zufahrtsstrecken gab es aber bis jetzt noch nicht. Hier gibt es Parallelen zum Gotthardbasistunnel, der auch darauf angewiesen ist, dass der Verkehr auf beiden Seiten der Tunnelportal effizient abgewickelt wird.
Im Fall des BBT ist man auch auf die Leistungen Deutschlands angewiesen. Das macht die Sache nicht leichter, wenn man sieht, wie gross die Schwierigkeiten zwische Italien und Österreich schon sind. So muss zum beispielsweise der Scheitelpunkt genau auf der Landesgrenze liegen, damit das Wasser jeweils in die richtige Richtung abfliesst. Bau- und verkehrstechnisch wäre es sinnvoller, den Scheitelpunkt weiter Richtung Süden zu verlegen.
Ein örtlicher Politiker sprach in Bezug auf den BBT unlängst von einer «Kathedrale in der Wüste». Dabei ist nicht einmal sicher, dass dieses Bauwerk dereinst auch genutzt wird. Denn um den Markt nicht zu behindern, fehlen innerhalb der EU derzeit die Hebel, um den Güterverkehr auf die Schienen zu zwingen. Hier hat man in der Schweiz mit der Schwerverkehrsabgabe einen ungleich längeren Hebel. Die Tiroler erhöhten die Maut zwar auch schon, um lenkend einzugreifen, sie wurden von der EU aber zurückgepfiffen. Ohne ein solches Instrument sind die Gütertransporte auf Schienen gegenüber der Strasse nicht konkurrenzfähig. Es kann also durchaus sein, dass es zwischen Italien und Österreich dereinst einen Hochleistungs-Eisenbahntunnel gibt, der nicht mehr als ein «schwarzes Loch» ist. NZZ, 21. April 2011, S. 7
