Der Journalist Steffen Klatt wünscht sich mehr Schweiz in der Schweiz und in Europa sowie mehr Europa in der Schweiz. Unter mehr Schweiz versteht er mehr direkte Demokratie und Föderalismus. Was er unter mehr Europa versteht, ist nicht so klar, da er durchaus zwischen Europa und der EU unterscheidet. Der Schweiz attestiert er einen Hang zur Selbstisolierung, offenbar weil man der EU und dem EWR nicht beitreten wollte. Das ist nicht nachvollziehbar – es geht ja nicht um Kooperation Ja oder Nein, sondern um die Formen der Kooperation. Und es ist die EU, die Kooperation in manchen Bereichen ausschlägt, um diese zu monopolisieren und die Schweiz letztlich zur Unterwerfung unter Institutionen der EU zu drängen. Man findet denn im Buch auch keine detaillierte Analysen, um etwa den Befund des Hanges zur Selbstisolierung zu untermauern. Klatt bleibt diesbezüglich auf der Ebene von Klischees und Behauptungen.
Bezüglich EU und etwa der Osterweiterung ist er durchaus (manchmal) kritisch. Der wirtschaftliche Anschluss Osteuropas an den Westen nach der Wende war für die meisten Betroffenen nicht mit sozialem Aufstieg verbunden. Wer wirklich aufsteigen wollte, musste ins Ausland gehen. Die osteuropäischen Länder mit dem höchsten Wachstum sind denn auch diejenigen mit einer hohen sozialen Ungleichheit, so sehr, dass es ihre aktivsten Bewohner aus dem Land treibt: die baltischen Republiken und Polen haben Hundertausende ihrer Einwohner an Grossbritannien, Deutschland und andere reiche Länder verloren. Das Wirtschaftswunder ist ausgeblieben, obwohl Osteuropas Fabriken und Infrastrukturen nach der Wende weniger darniederlagen als diejenigen Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg und obwohl wesentlich mehr Geld von auswärts nach Osteuropa floss als dies im Westeuropa der Nachkriegszeit der Fall war. Der wichtigste Grund für dieses Ausbleiben diagnostiziert Klatt in der Rolle der Staaten: Das Westeuropa der Nachkriegszeit war wirtschaftlich stark staatlich geprägt. Die Grenzen waren für Kapital und Menschen weitgehend geschlossen und der Staat entschied mit, wer wie viel Kapital erhielt. Damit musste ein guter Teil der Produktion im eigenen Land von eigenen Unternehmern aufgebaut werden. Osteuropa dagegen holte den Kapitalismus in der Blütezeit des Neoliberalismus ins Land. Ausländische Unternehmen, fremdes Kapital treffen die Investitionsentscheide und verteilen die Früchte.
Steffen Klatt, Mehr Schweiz wegen – mehr Europa tun: ein Kontinent zwischen Aufbruch und Abbruch, Bern: Zytglogge.
