Nationale Interessen in der Europäischen Union

Stefanie Bailer legt mit dem Buch, einer Dissertation in Politologie, den Versuch einer Analyse des Einflusses der verschiedenen Staaten in der EU vor. Ist es das wirtschaftliche Gewicht der Staaten oder deren Verhandlungsgeschick, das den Erfolg in den EU-Verhandlungen gewährleistet? Die Autorin beschränkt sich dabei auf die Analyse von Entscheidungsprozessen im Alltagsgeschäft, betrachtet also Verhandlungsprozesse wie jene, die zum Verfassungsentwurf führten, nicht. Dies ist wohl eine Schwäche des Ansatzes von Bailer, der sich ihr durch den Wunsch nach quantitativer Abstützung aufdrängt. Dieser Wunsch ist zwar lobenswert, darf allerdings nicht dazu führen, dass bekannte Tatsachen über das unterschiedliche Gewicht der Staaten gerade in den entscheidenden Grundvertragsverhandlungen vergessen gehen. Trotzdem ist das Buch lesenswert: es führt anschaulich vor Augen, wie schwierig es ist, Macht und Einfluss zu messen. Es ist deshalb wohl vor allem eine gute Lektüre für Personen, die sich für entsprechende methodische Probleme interessieren. Inhaltlich sind die Analysen nicht besonders ergiebig. Ihre Analyse des Einflusses der Machtkomponenten der Staaten ergeben – vermutlich ein Artefakt ihrer Methode –, dass wichtiger als Stimmenmacht und wirtschaftliche Macht eines Landes die Nähe der Position eines Landes zur Meinung der EU-Kommission ist – dies gelte wenigstens in manchen Politbereichen und könne sich mit der Stellung der EU-Kommission durch das Mitentscheidungsverfahren ändern – oder durch die Entwicklung der EU-Verhandlungskultur durch das selbstbewusstere Auftreten der osteuropäischen Länder.

Stefanie Bailer, Nationale Interessen in der Europäischen Union: Macht und Verhandlungserfolg im Ministerrat, Frankfurt, Campus, 2006

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