Postkoloniale Verstrickungen der globalen Schweiz

Das Heft macht die historisch gewachsenen Abhängigkeiten des Schweizerischen "Erfolgsmodells" vom (Neo-)Kolonialismus deutlich. Bernhard C. Schär nimmt eine "postkoloniale Re-Lektüre der Schweizer Geschichte" vor. In den 1770 er-Jahren erreichte der Grad der globalen Vernetzung bereits einmal einen Höhepunkt. Mit dem Sieg im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763), der gleichzeitig in Europa, Afrika, den Amerikas und in Asien ausgetragen wurde, löste Grossbritannien Frankreich als führende europäische Macht ab und sollte bald zur Weltmacht aufsteigen. Mitten drin beobachteten eidgenössische Financiers, Kaufleute und Gelehrte die Entwicklungen genau. Viele von ihnen hatten Teile ihres Vermögens in den Indienkompanien Frankreichs, Grossbritanniens und der Niederlande investiert – und zwar oft in einer Weise, dass sie unabhängig vom Ausgang der kriegerischen Konflikte zwischen diesen Parteien Renditen erzielten. Die gebildeten Mitglieder dieser Familien waren überdurchschnittlich stark in den gelehrten Gesellschaften in London, Paris und anderen imperialen Metropolen vertreten. Die Bühne, auf welcher die eidgenössischen Eliten jener Jahre investierten, dachten und handelten, war weder die Schweiz noch Europa, sondern eine Welt, die zusammenrückte. Oder wie es der Redaktor der ‚Ephermeriden der Menschheit‘, einer Basler Zeitschrift, 1776 formulierte: "es ist eine in unsern Zeiten bey nahe allgmein anerkannte Wahrheit, dass Miswachs oder Ueberfluss, zerrüteter oder freyer Handel in Asien, in Africa, in America bis in die innersten Gegenden von Deutschland die wichtigsten Einflusse haben; dass der Irrthum eines chinesischen Ministers in allen Theilen von Europa empfindlich werden könne".

In der Folge wurde allerdings eine engräumigere Sichtweise entwickelt. Im 19. Jahrhundert setzte sich spätestens mit dem Sieg der europäischen Mächte gegen China die Überzeugung einer europäischen Überlegenheit und des Auftrags einer imperialen "Zivilisierungsmission" durch. Auch Asien wurde nunmehr als Zone der Barbarei und Rückständigkeit, die wirtschaftlich auszubeuten und nach europäischem Vorbild zu modernisieren sei, gesehen. Die Folge davon war ein Eurozentrismus, der sich in seiner helvetischen Ausprägung beispielsweise darin manifestiert, dass viele Forschende, Leitartikler oder Publizistinnen "Erfolge" und "Reichtum der Schweiz" ausschliesslich mit endogenen Faktoren zu erklären versuchen – wahlweise mit Fleiss, Steuerwettbewerb oder direkter Demokratie.

Interessant am Artikel sind einerseits auch die Einblicke in die Tatsache, dass Nahrungsmittel, die auf Grund der kolonialen Expansion der europäischen Grossmächte die Grundlage zu typischen Nationalgerichten in Westeuropa wurden (Tomaten in Italien, Rösti und Schokolade in der Schweiz, um nur einige Beispiel zu nennen). Zudem lenkt Schär die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass im kollektiven Bewusstsein in Europa und der Schweiz nur die Französische Revolution und die US-amerikanische Unabhängigkeit auftauchen. Die Haitianische Revolution von 1791 wird demgegenüber vergessen. Die haitianischen Revolutionäre stellten radikalere Forderungen als ihre weissen Zeitgenossen auf: so namentlich ein explizites Verbot der Sklaverei in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (der Haitianischen Revolution und ihrer Niederschlagung, sowie den folgenden Probleme Haitis, die massgeblich durch das internationale Umfeld bedingt sind, ist ein eigener Artikel im Heft gewidmet).

Gemäss Schär verspricht ein nicht eurozentristischer Blick, die gegenwärtige "imperiale Lebensweise" im Westen, die in grossen Teilen auf der Ausbeutung billiger Arbeitskraft und der Zerstörung natürlicher Ressourcen ausserhalb des Territoriums der "entwickelten" Länder beruht, deutlicher zu beschreiben – dem Konzept der imperialen Lebensweise ist im Heft ein eigener Artikel gewidmet. Die "postkoloniale" Analyse macht deutlich, wie und weshalb sich die Geschichte eines kleinen europäischen Binnenlandes ohne den Imperialismus der europäischen Grossmächte nie nur zwischen Genfer- und Bodensee, aber auch nie nur in Europa vollzog, sondern immer schon als Teil des grösseren Prozesses der europäischen Expansion.

Sarah Suter schreibt über das Wasserschloss Europas und die neokolonialen Verstrickungen der offiziellen Entwicklungshilfe der Schweiz. Diese wird vom DEZA weitgehend den Interessen der Wassermultis untergeordnet (Privatisierungspolitik).

Besonders lesenswert bezüglich der augenblicklichen Debatte um die flankierenden Massnahmen ist der Beitrag von Alessandro Pelizzari über die Geschichte der Flankierenden Massnahmen, den Auswirkungen der MEI und dem augenblicklichen Druck auf die Flankierenden Massnahmen – innerhalb der Interessenlagen innerhalb der Schweiz.

Widerspruch 72 (2. Halbjahr 2018), Postkoloniale Vestrickungen der globalen Schweiz, Beiträge zu sozialistischer Politik, Zürich: Rotpunktverlag

© 1992-2026 Forum für direkte Demokratie |forum@europa-magazin.ch
Website by Zumbrunn Systemdesign