Postwachstum – Leben über den Verhältnissen?

Der neueste Widerspruch (82) sammelt Artikel zum Thema des wirtschaftlichen Wachstums: müssen wir das Wachstums stoppen? Was hätte dies für Auswirkungen auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaften, auf die Sozialsysteme? Gibt es ein grünes Wachstum, ein Wachstums, dass mit immer weniger Rohstoffen auskommt? Ist Wachstum nach der Erfüllung von Grundbedürfnissen wünschenswert und sinnvoll? Wie kann man Verteilungsprobleme lösen?

Das Thema ist so wichtig wie schwierig und es besteht die Gefahr sich in Floskeln zu verlieren (Forderungen nach Systemwechsel, Abschaffung des Kapitalismus, Wirtschaftsdemokratie, soziale oder sozialistische Demokratie, etc.). So hält Michael Graff fest, dass es eine Vielzahl von Entwürfen einer nicht wachstumsbasierten Wirtschaft gebe, die oft die Gemein- beziehungsweise Bedarfswirtschaft anstelle von Markt- und Erwerbswirtschaft betonen, die Arbeitszeitverkürzungen, ein bedingungsloses Grundeinkommen, landwirtschaftliche und gewerbliche Eigenproduktion, eine kleinräumige wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisation sowie auch basisdemokratische Entscheidungsprozesse fordern. Das alles ist erstrebenswert, aber bis auf wenige Ausnahmen sehr floskelhaft und unausgefeilt. Welche konkreten Schritte müsste man unternehmen, um diese Ziele zu verfolgen? Und Graff setzt noch obendrauf: er bemängelt, dass die Systemfrage, also ob und wie das im Rahmen der bestehenden Eigentumsverfassung und Wirtschaftsordnung realisiert werden kann und soll, kaum gestellt werde, auch nicht von linker Seite. Bestehende Eigentumsverfassungen und Wirtschaftsordnungen in Frage zu stellen, stellt allerdings noch keinen wirklichen Schritt in Richtung eines sinnvollen Umgangs mit der Wachstumsfrage dar. Graff fordert weiter die «gemeinschaftliche Kontrolle über die Produktion unter dem Primat, die Existenzgrundlagen der Menschheit nicht weiter zu gefährden und, gegeben der Stand der Produktkräfte, allen ein menschenwürdiges Leben zu gewährleisten». Auch das ist erstrebenwert, gibt aber keinen Hinweis auf das Wie der «gemeinschaftlichen Kontrolle».

Die entsprechenden Probleme werden von manchen Autoren angedeutet: Bezüglich einer erforderlichen Demokratisierung der Wirtschaft wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine «Rahmenbedingung» handelt. Unterschiedliche Interessen und Koordinationsschwierigkeiten dürften weiterhin bestehen. Zentral sei z.B., die Kontrolle der Investitionen und Finanzen sowie die Entscheide über die Verwendung des erzeugten Mehrprodukts. Wie wären die Kontrollen zu organisieren?

Leute, die sich als politisch links verstehen, sind gegenüber dem Glauben an die technische Lösbarkeit von Wachstumsproblemen gespalten. Während die einen den Fortschritt von Grosstechnologien befürworten, und etwa ein grünes Wachstum vertreten, schlagen andere einfache, Komplexität reduzierende «Low-Tech»-Technologien vor oder zweifeln an technik- und experten-basierten Steuerungs- und Herrschaftsformen. Bezüglich «grünen Wachstums» gilt es zu bedenken, dass «fossile Energieträger sehr effizient und leistungsfähig sind. Sie vollständig und schnell genug durch nichtfossile, das heisst weniger effiziente Energieträger zu ersetzten, ist praktisch unmöglich. Der zunehmende Verbrauch von Bodenschätzen wie seltenen Erden stösst an Grenzen, die immer weiter verbreitete drahtlose Kommunikation erfordert eine riesige Infrastruktur und produziert immer mehr Elektrosmog». Effizienzsteigerungen führen oft zu höherem Verbrauch. Low-Tech geht in die entgegengesetzte Richtung: Low-Tech-Lösungen setzen (1) auf die Nützlichkeit (Erfüllung grundlegender Bedürfnisse), (2) lokale Zugänglichkeit (kann lokal hergestellt und unterhalten werden und ist für die meisten Menschen erschwinglich) und (3) Nachhaltigkeit: optimiert den ökologischen Fussabdruck (robust und reparierbar).

Roman Rossfeld skizziert die Entwicklungen der SP seit dem zweiten Weltkrieg bezüglich der Wachstumsfrage. In den 60er Jahren wurde eine Politik des höchstmöglichen wirtschaftlichen Wachstums gefordert. Nach den «Grenzen des Wachstums» wurden in der SP-Umweltprobleme thematisiert, von der traditionellen Modernisierungs- und Wachstumsperspektive wurde aber nicht Abstand genommen. Neuerdings wird eine Entkoppelung von Wirtschaftstätigkeit vom Kohlenstoff- und Ressourcenverbrauch gefordert. Man ist also weiterhin grosstechnologiegläubig.

Mehrere Artikel werfen die Frage von Gratisarbeit oder schlecht bezahlter Arbeit (Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege), sowie der sozialen Kosten des Wachstums auf. Mit dem Wachstum verschlechtern sich die Lebensbedingungen vieler Menschen. Die Steigerung des Bruttosozialprodukts kann mit einer Verschlechterung der Versorgung einhergehen, dies insbesondere im «globalen Süden». Der «globale Norden» ist Teil des Problems, allein durch seine Infrastruktur und die strukturell auf vielerlei Art und Weise vorgeprägte Lebensweise der dort lebenden Menschen, bei denen starke Minderheiten oder sogar Mehrheiten beschränkte Ressourcen nicht teilen wollen. «Rechtsrutsch, autoritäre Versuchungen und dahinter liegende, mit Ressentiments unterfütterte Ängste stellen daher den einen Pfad dar, unter dessen Vorgabe zukünftige Politik stattfinden könnte».

Der neueste Widerspruch ist lesenswert und weist mehr Facetten auf, als hier dargestellt werden konnten.

Widerspruch 82 (2024), Postwachstum – Leben über den Verhältnissen? www.widerspruch.ch

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